Soziologische Netzwerkforschung

Sektion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

 

Nachwuchspreis


der DGS-Sektion für soziologische Netzwerkforschung  

Mit diesem Preis zeichnet die Sektion alle zwei Jahre den besten Fachaufsatz aus. Der Preis soll Relevanz und Potenzial der soziologischen Netzwerkforschung in empirischer wie theoretischer Hinsicht unterstreichen und den Nachwuchs fördern. Der Preis ist mit 250 Euro dotiert.

Über die Verleihung des Preises entscheidet eine Jury aus drei arrivierten Netzwerkforscherinnen und Netzwerkforschern. Prämiert wird ein Aufsatz aus einer deutsch- oder englischsprachigen Fachzeitschrift im Bereich der soziologischen Netzwerkforschung oder angrenzender Fachgebiete. Als maßgebliche Kriterien beachtet die Jury die Originalität und Bedeutung der empirischen oder theoretischen Fragestellung sowie das Niveau der Analyse. Der Preis wird bevorzugt an Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler während oder kurz nach der Promotion verliehen.

 


Nachwuchspreis 2019


Die Ausschreibung finden Sie hier.

Die Preisjury

  • Prof. Dr. Roger Häußling (RWTH Aachen)
  • Prof. Dr. Betina Hollstein (Universität Bremen)
  • Prof. Dr. Sebastian Schnettler (Universität Oldenburg)


Der prämierte Aufsatz

David Kretschmer, Lars Leszczensky und Sebastian Pink (2018): Selection and influence processes in academic achievement - More pronounced for girls? In: Social Networks 52, S. 251-260.

 

Die Preisverleihung

Der Preis wurde an David Kretschmer und Lars Leszczensky im Rahmen der European Conference on Social Networks (EUSN) am 11. September 2019 in Zürich überreicht.


Laudatio der Jury

Thema des Beitrags, der 2018 in Social Networks veröffentlicht wurde, sind die Ein­flüsse des Netzwerks auf Schulleistungen. Die Autoren untersuchen, ob Freun­d/in­nen für den Schulerfolg von Jungen und Mädchen unterschiedliche Bedeutung ha­ben. Dabei gehen sie von der Annahme aus, dass Mädchen durch Freund/innen stärker beeinflusst werden als Jungen und Mädchen zugleich in stärkerem Maße bei der Wahl ihrer Freund/innen darauf achten, dass diese ein ähnliches Leistungs­niveau haben (Selektionseffekt). Theoretisch begründet werden diese Annahmen mit Geschlechtsunterschieden im Netzwerkverhalten (emotional engere Freundschaften bei Mädchen im Unterschied zu größeren und zugleich lockereren Freundschafts­gruppen von Jungen; stärkere Anpassung an soziale Kontexte bei Mädchen) und Unterschieden bezogen auf Schulleistungen (weniger kompetitives, kooperativeres und stärker (Schul-)aufgaben-bezogenes Verhalten bei Mädchen).

Datenbasis der Analyse sind Netzwerk- und Individualdaten, die ersten drei Wellen des „Friendship and Identity in School“ (FIS)-Projekts (Leszczensky et al., 2015), einer Längsschnittstudie die in 26 fünften, sechsten und siebten Klassen von neun weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde (N= 1273). Die empirischen Analysen wurden mithilfe von stochastischen Akteurs-orientierten Modellen (SAOM) der Ko-Evolution der Netzwerke in den Klassen sowie der indivi­duellen Leistungen in Deutsch, Englisch und Mathematik durchgeführt. Die komplexe Modelspezifikation umfasst neben outdegree und reciprocity effects und einem geometrically weighted edgewise shared partners-effect („Freunde von Freunden werden zu Freunden“) three-cycle-effects, out-degree activity, indegree-popularity, indegree-activity und reciprocal degree-activity effects. Die SAOM wurde mithilfe von SIENA-Modellen geschätzt (R Siena, Vers. 1.1-307). Die Netzwerke wurden zunächst alleine analysiert und dann einer multivariaten Meta-Analyse (fixed-effects) unterzogen, inklusive einer Robustheitsprüfung (random-effects / restricted maximum likelihood estimator).

Im Einklang mit bisherigen Studien finden sich mehr Freundschaften zwischen den Jungen als zwischen den Mädchen. Die Meta-Analysen der Netzwerke weisen – über bisherige Forschungen hinausgehend – eine Wahl der Freund/innen in Hinblick auf die Schulleistung tatsächlich nur für die Mädchen nach. Netzwerk-Einflüsse auf die Leistung finden sich – entgegen der theoretischen Erwartung - sowohl bei den Mädchen wie bei den Jungen. In der Diskussion werden insbesondere mögliche praktische Konsequenzen ausführlich diskutiert.

Der Beitrag erfüllt die Anforderungen für den Nachwuchspreis der DGS-Sektion „Soziologische Netzwerkforschung“ in höchstem Maße: Mit der Fragen nach den Bedingungen geschlechtsspezifischer Ungleichheiten wird ein wichtiges soziologi­sches Thema behandelt. Mit der Unterscheidung von Selektions- und Einfluss­effekten knüpft der Beitrag zugleich an aktuelle Debatten in der Netzwerkforschung an. Der Theorieteil besticht durch hohes Reflexionsniveau, Klarheit und Stringenz der Argumentation bei gleichzeitig großer Originalität. Bei der Analyse handelt es sich um eine souveräne und umsichtige Anwendung fortgeschrittener Methoden (SOAM) auf hohem Niveau. Die Modellierung ist schlüssig und beindruckt durch ihre Komplexität und die Berücksichtigung einer großen Zahl potentiell relevanter Netzwerkaspekte. Die Ergebnisse sind für die Ungleichheits-, die Bildungs-, wie für die Netzwerk­forschung in höchstem Maße relevant und wegweisend für weitere Forschungen.

 


Nachwuchspreis 2017


Die Preisjury

  • Prof. Dr. Betina Hollstein (Universität Bremen)
  • Prof. Sophie Mützel, PhD (Universität Luzern)
  • Prof. Dr. Wolfgang Sodeur (Universität Duisburg-Essen)

 

Der prämierte Aufsatz

Kruse, Hanno, Sanne Smith, Frank van Tubergen und Ineke Maas (2016): From neighbors to school friends? How adolescents’ place of residence relates to same-ethnic school friendships. In: Social Networks 44, S. 130-142.

 

Die Preisverleihung

Der Preis wurde an Hanno Kruse im Rahmen der European Conference on Social Networks (EUSN) am 28. September 2017 in Mainz feierlich überreicht.

 


Laudatio der Jury

Der Aufsatz folgt einer innovativen Zielsetzung: die AutorInnen möchten ein besseres Verständnis darüber gewinnen, wie sich Umgebungs-Eigenschaften des Wohnorts von Jugendlichen auf die Entstehung von Freundschaften innerhalb ethnischer Gruppen im Schulklassenkontext auswirken. Dabei verbindet der Aufsatz klassische Themen der Netzwerkforschung, wie der Freundschaft, dem strukturelle Ordnungsprinzip der Homophilie und Nachbarschaften, mit dem statistischen Exponential Random Graph Modell (ERGM) und zwei Datensätzen: Einmal zu Jugendlichen in Deutschland und den Niederlanden (CILS4EU), die mit externen Daten von Statistikämtern (NL) und der Marktforschung (D) über die ethnische Zusammensetzung von Nachbarschaften angereichert wurden.

Bei den Umgebungsdaten der Wohnorte konzentriert sich das Interesse einmal auf deren ethnische Zusammensetzung ("exposure", externe Daten, s.o.), zum anderen auf die Nähe (max. 5 Gehminuten) der Wohnung der jeweiligen Schulfreunde von der eigenen Wohnung ("direct propinquity") bzw. der Wohnung enger Schulfreunde ("indirect propinquity").

Die eingesetzten Mittel zur Analyse der Zusammenhänge sind durchweg nicht neu, folgen aber dem Stand der Wissenschaft und stellen in ihrer Kombination zum Teil hoch interessante Neuerungen dar. Im ersten Schritt werden 4 unterschiedlich differenzierte ERG-Modelle einander gegenüber gestellt. (…) Im zweiten Schritt fassen die AutorInnen die ERG-Modelle, die zunächst für die Freundschafts-Netze der 158 Schulen einzeln durchgeführt wurden, in einer Meta-Analyse (Snijders und Baerfeld 2003 folgend) zusammen. Der ethnischen Zusammensetzung des Wohnorts ("exposure") kann danach kein nennenswerter Einfluss auf die inner-ethnischen Freundschafts-Beziehungen zugeschrieben werden, wohl aber der direkten und indirekten Wohnungs-Nähe zwischen Schulfreunden ("propinquity").

Besonders beeindruckt hat die Jury die weitere Behandlung der Ergebnisse. Während viele Arbeiten mit der Interpretation der (hier zusammengefassten) Koeffizienten der gewählten Modelle enden, geben zwar auch die AutorInnen zunächst eine sehr sorgfältige Interpretation dieser Koeffizienten, fragen dann aber, ob die gefundenen Zusammenhänge ausreichen, das empirisch festzustellende Ausmaß der inner-ethnischen Freundschaftsbeziehungen aufzuklären. Zur weiteren Aufklärung des Einflusses der "propinquity"-Merkmale machen sie anhand verfügbarer Programme zwei "kontrafaktische" Simulations-Experimente. (…)

Insgesamt zeichnet sich der Aufsatz durch eine klare Zielsetzung und sehr gute Durchführung der Analyse aus. Eingesetzt werden zwar keine grundsätzlich neuen Mittel, der Einsatz erfolgt jedoch sehr kreativ, die Diskussion und partielle Einschränkung der empirisch gefundenen Ergebnisse wird überzeugend begründet. Die Jury kam deshalb übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass der vorliegende Aufsatz die Grundlage für eine würdige Preisverleihung bietet.

 


Nachwuchspreis 2015


Die Preisjury

  • Prof. Dr. Betina Hollstein (Universität Bremen)
  • Prof. Dr. Wolfgang Sodeur (Universität Duisburg-Essen)
  • Prof. Dr. Paul Windolf (Universität Trier)

 

Der prämierte Aufsatz

Leszczensky, Lars und Sebastian Pink (2015): Ethnic segregation of friendship networks in school: Testing a rational-choice argument of differences in ethnic homophily between classroom- and grade-level networks. In: Social Networks 42, S. 18-26.

 

Die Preisverleihung

Der Preis wurde an Sebastian Pink im Rahmen der Herbsttagung der Sektion in Köln am 5. Oktober 2015 feierlich überreicht. Unten im Bild: Sebastian Pink nimmt den Nachwuchspreis der Sektion von Jan Fuhse und Wolfgang Sodeur entgegen.

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